Niederlande, Groningen, Universitair Medisch Centrum Groningen (02.03.-01.04.2026)
Insgesamt bin ich sehr traurig, Groningen so schnell wieder verlassen zu müssen. Ich hatte in meiner kurzen Zeit bei meiner Famulatur am Universitair Medisch Centrum Groningen viel Spaß und durfte viel sehen und machen. Die tiefen Einblicke in die Welt der Transplantation waren sehr beeindruckend und lehrreich!
Warum die Niederlande? Warum Groningen?
Als ich auf der Suche nach einem Studienort für das Medizinstudium war, hatte ich mich damals auch in Groningen für den Bachelor auf Englisch eingeschrieben. Da man den Master dort nur auf Niederländisch machen kann, hatte ich „just for fun“ mit „Duolingo“ etwas Niederländisch gelernt. Long Story short – unter den 2.000 Bewerbern für 100 Plätze war ich nicht gut genug und bin also in Deutschland geblieben. Niederländisch habe ich trotzdem weiter gelernt und nun wollte ich im Rahmen einer Famulatur endlich mal Gebrauch davon machen. Utrecht und Groningen waren von Anfang an meine Favoriten, da beide Städte wirklich wunderschön sind und ich dorthin die besten Kontakte hatte. Groningen war natürlich qua Transplantation ideal, da das UMCG, Universitair Medisch Centrum Groningen, das einzige Zentrum in den ganzen Niederlanden ist, wo alle Organe transplantiert werden!
Bewerbung & Vorbereitungen
Das Wichtigste vorab! Eine Famulatur oder ein PJ in den Niederlanden ist theoretisch auch nur mit Englischkenntnissen möglich, allerdings nicht zu empfehlen, da ALLES auf Niederländisch läuft und viele Krankenhäuser es auch voraussetzen. Minimum B1 Sprachkenntnisse in Niederländisch sollten vorhanden sein. Ich hatte trotz B2 gelegentlich Schwierigkeiten mitzuhalten.
Ich habe viele Bewerbungen geschrieben, meist an die International Offices der Universitätskliniken. An dieser Stelle sollte erwähnt sein, dass im Gegensatz zu Deutschland in den Niederlanden nur wenige, dafür aber wesentlich größere Krankenhäuser existieren. In Utrecht und Groningen, meinen bevorzugten Standorten, gibt es neben der Universitätsklinik je nur zwei bzw. ein weiteres Krankenhaus bei einer Bevölkerungszahl von 380.000 bzw. 250.000! Entsprechend wenige Praktikumsplätze gibt es und so kam auf fast alle Anfragen/Bewerbungen die Antwort: „Sorry, aber wir müssen unsere eigenen Medizinstudierenden bevorzugen. Die Kapazitäten sind ausgereizt.“
Über Kontakte wurde ich auf einen Professor in Groningen aufmerksam gemacht, der viel im Transplantationsbereich forscht und arbeitet. Über „PubMed“ habe ich seine Emailadresse gefunden und eine SEHR KURZE, aber prägnante Bewerbung geschickt, in der ich mein ernsthaftes Interesse an Transplantationsmedizin bekundet habe. Es war mein letzter Versuch, etwas in einer größeren Stadt auf die Beine zu stellen, doch meine „Hail Mary“ landete im Schwarzen.
Dieser Professor, mein späterer Supervisor, hat mir schnell geantwortet und wir haben einen „Zoom-Call“ ausgemacht. Wenige Tage später habe ich mit ihm 30min über alles Mögliche gesprochen. Er wollte besonders wissen, was ich mir vorstelle würde zu tun, da es für die niederländischen Medizinstudierenden viel weniger Spielraum bei der Gestaltung ihrer „Coschappen“ (= Famulaturen/Blockpraktika) gibt. Ich würde zudem empfehlen, früher Bewerbungen zu schicken als ich, denn ich hatte erst im November mit meinem Professor Kontakt aufgenommen und die Famulatur sollte schon im März stattfinden. Es ging trotzdem, aber es wäre entspannter mit mehr Zeit gewesen.
Insgesamt kann ich mich extrem glücklich schätzen, bei ihm gelandet zu sein, denn er war während der gesamten Zeit extrem freundlich, hilfsbereit und hat sich unglaublich viel Zeit für meine Bewerbung, die Gestaltung meiner Zeit vor Ort und meine Betreuung genommen, ohne davon selbst zu profitieren!
Kurz um: Sucht Euch ein Fach, dass Euch ernsthaft interessiert, ich habe zuvor bereits viel mit Transplantation gemacht, und schickt Bewerbungen direkt an Ärztinnen/Ärzte mit leitenden Funktionen. Wenn Ihr eine Ärztin/einen Arzt findet, die/der Euch supervisen will, öffnen sich viele Türen bei den Universitäten.
Mein Professor hatte dann alles an das International Office weitergeleitet und dann lief eigentlich alles von allein. Ich habe diverse E-Mails erhalten, in denen immer gut erklärt war, was ich machen und welche Dokumente ich senden müsse. Standard Impfungen sind gefordert und ein Hep. B Titer, der bei mir aber eine Woche vorher einfach im Krankenhaus abgenommen wurde. Wichtig auch: MRSA ist in den Niederlanden bei weitem besser unter Kontrolle als hierzulande, daher muss man einen max. zwei Wochen alten Negativ-Test bei Praktikumsbeginn vorweisen. Ich habe drei Monate eher einen Test gemacht, um im Zweifelsfall genug Zeit für die Sanierung zu haben, sonst ist das Praktikum nämlich gestrichten!
Im Endeffekt wurde ich auch bei der Rijksuniversiteit Groningen (RUG) eingeschrieben, inkl. Matrikelnummer und Accounts. Hier noch ein Hinweis, der mir viel administratives Chaos in den ersten Wochen vor Ort erspart hätte. Das Postfach bei der RUG-Website ist NICHT der E-Mail-Eingang! Ich erspare Euch die Details, aber ich habe einige E-Mails nicht gelesen und auf niederländischer Seite wurden auch ein paar Dinge versäumt, da das System neu ist und so stand ich erst in Woche 3 mit eigener Krankenhaus-ID-Card da. Nötig um Wäsche zu holen und Türen zu öffnen, sowie die Krankenhaus Software zu nutzen. Die Mitarbeiter haben aber wirklich alles gegeben, eine Lösung für mich zu finden und es war nicht allzu dramatisch, da ein Großteil meines Programms der ersten zwei Wochen mit meinem Supervisor gemeinsam war.
Sprachtechnisch habe ich vorab ein paar Krankenhaus-Vokabeln gelernt, um eine kleine Starthilfe zu haben, was sicher kein Nachteil war, jedoch habe ich die wichtigsten Worte vor Ort auch sehr schnell aufgeschnappt und mir im Zweifel erklären lassen.
Meine Unterkunft
Wohnung suchen in den Niederlanden – ist ähnlich spaßig wie in großen deutschen Städten.
Ich habe über wirklich jeden niederländischen Kontakt, den ich habe, versucht, in die richtigen WhatsApp Gruppen zu kommen und bin auch in einer namens „Housing Groningen“ gelandet. Dort werden regelmäßig Wohnungen zur Untermiete reingeschickt. Leider habe ich keinen Link mehr, aber ich würde so vorgehen: Findet jemanden, der in Eurer Zielstadt wohnt, egal ob Student oder nicht, und lasst Euch so lange weiterleiten, bis Ihr einen Studenten findet, der Euch in diese oder irgendeine andere große Gruppe aufnimmt.
Ansonsten kann ich „kamernet.nl“ empfehlen. Das Abo kostet zwar etwas Geld, aber es ist fair.

Ausblick aus meiner Wohnung im Zentrum von Groningen
Grundsätzlich sollte man aber wissen, dass viele Leute hier Last Minute Ihre Wohnungen/Zimmer anbieten. Es ist völlig normal, erst ein oder zwei Monate vor (temporärem) Auszug einen Nach- oder Untermieter zu suchen. Für einen Monat ist es besonders tricky, da viele Leute für Erasmus etc. eher für längere Perioden weg sind. Daher alle Kanäle nutzen und nicht zu wählerisch sein. Ich hatte am Ende Glück und konnte ein Einzelappartment im Zentrum finden mit absoluter Toplage!
Ein paar rechtliche Hinweise. Wer länger als drei Monate in den Niederlanden wohnt, MUSS sich bei der Stadt melden und erhält dann auch eine BSN (Burgerservicenummer). Das geht aber nur, wenn man auch eine offizielle Untermiete findet. Häufig schwierig, da die eigentlichen Mieter eine schriftliche Genehmigung des Vermieters brauchen. Ich hatte auch keine Meldung und leider auch keine BSN, denn wie ich erst während meiner Famulatur erfahren habe, hätte ich eigentlich Anspruch auf eine Vergütung von 5,50€/h gehabt, die jedem „Coassistent“ (= Famulant/PJler) zusteht. Die kann man aber nur mit der BSN erhalten, also sind mir leider knapp 1.000€ nicht zugekommen. Damit hätte ich locker meine Miete bezahlen können. Also mein Tipp: ggf. lieber etwas teurere Wohnung, wo man sich melden kann, es rechnet sich!
Lebenshaltungskosten in den Niederlanden
Grundsätzlich sollte finanziell mit etwas höheren Kosten als in Deutschland gerechnet werden, besonders Fleisch und Hygieneprodukte sind hier echt teuer! Meine Miete belief sich auf 650€, 400€ – 800€ sind normal. Wer ein Fahrrad mietet, bei mir 72€, sollte rechtzeitig kündigen, denn ich musste einen Monat mehr zahlen. Hinzu kamen Ausgaben für Lebensmittel, Ausgehen und Sport.
Nicht zu vergessen natürlich noch die Kosten für Zugfahrten und sonstige Abo Kosten, die ich in DE auch habe.
Das Universitair Medisch Centrum Groningen
Das Universitair Medisch Centrum Groningen (UMCG) ist ein riesiger Maximalversorger, der für die gesamte Region Noord essentiell ist. Hier sind alle Fachrichtungen vertreten, einer von drei Rettungshelikoptern der gesamten Niederlande ist hier in der Nähe stationiert. Die großen Gänge im Klinikum haben sogar Straßennamen und es gibt neben mehreren Cafés/Restaurants sowie einer Kantine eine eigene Einkaufsstraße mit Friseursalon, Drogerie, Blumenladen und Kleidungsgeschäft. Ein „Albert Heijn To Go“, vergleichbar mit Rewe, gibt es natürlich auch.

Im Universitair Medisch Centrum Groningen – einem riesigen Maximalversorger in den Niederlanden
Grundsätzlich ist hier alles sehr gut organisiert und digitalisiert. Viele Abteilungen haben nur einen Drucker am Ende des Ganges, falls deutsche Medizinstudierende Ihre Famulatur Bestätigung ausdrucken wollen. Als ich nach einem Stempel für mein Famulatur Anerkennungsformular gefragt habe, brauchte es drei Leute und 10 Minuten um einen zu finden…
Infos rund um meine Tätigkeiten
Als deutscher Coassistent ohne Bindung an das Programm der Rijksuniversiteit Groningen (RUG) habe ich vollste Freiheiten genossen und konnte mal hier, mal da mitlaufen und mitmachen. Mein Professor ist selbst Abdominal-Chirurg und so bin ich in der Zeit, in der keine Transplantationen stattfanden, viel auf der Station der Abdominalchirurgie gewesen. Ich durfte aber auch in der „Spoedeisenden Hulp“ (SEH = Notaufnahme) oder bei der Poliklinik vorbeischauen.
Der Fokus lag natürlich auf der Transplantation, was allerdings auch zur Folge hatte, dass ich sehr viel Zeit außerhalb der normalen Arbeitszeiten (08:00 bis 16:45 Uhr) im Klinikum oder in anderen Kliniken verbracht habe, denn ich durfte regelmäßig mit dem „Zelfstandig Uitname Team“ (ZUT = selbstständiges Organentnahme Team) mitfahren, welches ebenfalls im UMCG stationiert ist (dazu später mehr).
Grundsätzlich läuft in den Niederlanden vieles bei Transplantation und Organspende anders und besser. Ich werde es hier kurz anschneiden, denn es ist sehr spannend und ich kann Interessierten sehr empfehlen, sich ein bisschen einzulesen!
1. – In den Niederlanden ist die Spende nach kardialem Tod (DCD = donation after cardiac death) legal und inzwischen sind mehr als 50 Prozent der Spenden auf DCD zurückzuführen. In Deutschland geht dies nur nach Hirntod (DBD = donation after brain death). „DCD-V“ = Spende nach Euthanasie (Sterbehilfe) ist, unter strengen Auflagen, ebenfalls in den NL möglich. In Deutschland geht dies nicht und auch die Euthanasie Möglichkeiten sind bei uns noch sehr viel eingeschränkter.
DCD wird in vielen Ländern unterschiedlich umgesetzt, besonders die Länge der „no touch period“ unterscheidet sich oft sehr. In den Niederlanden sind es 5 Minuten, diese laufen sobald das Herz keine Auswurfleistung mehr erzeugt (also BD = 0, wird i.a. gemessen). Patienten versterben dann meist auf der ICU und werden nach Ablauf der 5 Minuten in den (vorbereiteten) OP gefahren. Hier geht es dann natürlich im Eiltempo darum, die Perfusion der Organe wieder herzustellen, um die Ischämie Zeit kurz zu halten.
Was ich in Deutschland besser umgesetzt finde: Der Hirntod muss durch 2 unabhängige Fachärzte festgestellt werden, in den Niederlanden nur durch einen.
Auch den Schweigemoment, den ich von der einen Organspende kannte, die ich zuvor in Deutschland gesehen hatte, gab es hier nicht. Das fand ich wirklich schade, da so die altruistische Geste des Verstorbenen geehrt und ein Moment der Andacht in diesem eiligen Prozess geschaffen werden kann.
2. – In Deutschland ist es meist so, dass das lokale Krankenhaus, in dem der Spender liegt, das Anästhesie- und OP-Personal stellt. (Für DBD braucht man Anästhesie, da der Patient bis zum Schluss beatmet wird). Die Abdominal Chirurgen teilt die DSO (Deutsche Stiftung Organspende) zu, für Herz und Lungen kommen die Chirurgen aus den Empfängerzentren selbst.
Bis auf letzteres ist es in den Niederlanden völlig anders. Es gibt drei Regionen, die jeweils ein „Zelfstandig Uitname Team“ (ZUT = selbstständiges Organentnahme Team) stellen. Das ZUT besteht aus zwei OP-Assistent*innen und zwei Entnahmechirurg*innen aus einer der Unikliniken. Dazu kommt der Koordinator, zwei Perfusionisten für die Nieren (werden an Maschinen geschlossen) und meist auch noch eine Medizinstudentin/ein Medizinstudent, die/der Gewebeproben für die Forschung sammelt. Das Team nimmt ALLES mit, was für die OP notwendig sein könnte. Von Handschuhen bis Organboxen und Eis. Entsprechend sind viele Fahrzeuge und Fahrer nötig, um Material und Personal zu transportieren.
Groningen ist Standort des Nördlichen Teams. Da der Norden wesentlich dünner besiedelt ist, erstreckt sich das Einsatzgebiet bis nach Amsterdam und Enschede! Die Regionen sind nämlich anhand von Einwohnerzahl und nicht Landfläche eingeteilt. Mehrfach sind wir über 2h mit dem Auto gefahren, bis wir im Klinikum waren, dann die Entnahme (4-7h) und wieder 2h zurück. Insgesamt ein hoher und teurer Aufwand, der sich aber lohnt, da die Teams eingespielt sind und die Entnahmekliniken nicht belastet werden, indem sie Personal oder Materialien stellen müssen.
3. – Die Wartezeiten sind in den Niederlanden ebenfalls viel besser. Für eine Niere wartet man hier ca. zwei Jahre und nicht neun! Es werden aber auch unglaublich viele Lebendnierenspenden durchgeführt, in manchen Wochen haben wir drei oder mehr gemacht. Einmal gab es eine Tripple-Crossover-Lebendspende (Partner-/Crossover-Spenden sind seit 2026 auch in DE möglich). Dabei waren ein altruistischer Spender, sowie zwei Angehörige, die reihum eine Niere gespendet haben, sodass an diesem Tag drei Menschen eine neue Niere erhielten. Alle OPs wurden parallel durchgeführt!
4. – Als Besonderheit in Groningen sind die Perfusionsräume im OP zu erwähnen. Es handelt sich um zwei umfunktionierte Räume, die ausschließlich für die Perfusion von Spender-Lebern gedacht sind. Hier befinden sich spezielle Maschinen, die es ermöglichen, die Leber über viele Stunden mit Perfusionslösung zu spülen und so den Zeitpunkt der eigentlichen Transplantation flexibler zu gestalten. So wird die Leber meist über Nacht an die Maschine angeschlossen, damit am nächsten Morgen ein frisches Team die Transplantation durchführen kann. Das ist wirklich eine unglaublich tolle Sache, denn eine Lebertransplantation (LTX) kann gerne mal sechs oder mehr Stunden dauern und das mitten in der Nacht ist wirklich eine Zumutung, aber leider in DE sehr häufig! Eine Lungen-Perfusions-Maschine gibt es auch, konnte ich aber leider nicht in Action sehen.
Meine Famulatur in der Transplantationschirurgie
Ich durfte sehr oft mit am Tisch stehen und auch viel nähen, was wirklich cool war, weil man von außen nicht viel sehen kann, insbesondere beim Einsetzen der Organe. Allgemein waren wirklich alle Mitarbeiter*innen und Ärztinnen/Ärzte sehr freundlich, haben sich immer bemüht, mich etwas sehen und machen zu lassen und waren zudem interessiert, wie es in Deutschland läuft. Als „der Deutsche, der Niederländisch spricht“, habe ich auch ein bisschen ein Alleinstellungsmerkmal genossen. Oft „hatte man schon von mir gehört“, wenn ich mich mal wieder irgendwo selbst eingeladen habe. Ich wurde mehrfach eingeladen, für mein PJ oder sogar für die Facharztausbildung wieder zu kommen, worüber ich mich wirklich sehr gefreut habe!
Auch hier nochmal der Hinweis, dass ich sehr sicher bin, dass ich vieles ohne die Sprachkenntnisse nicht oder zumindest nicht in dem Umfang hätte sehen/machen dürfen!

Das Universitair Medisch Centrum Groningen in den Niederlanden
Die anderen „Coassistent*innen“ sind hier im 4. oder 5. Jahr und machen auf der Station i.d.R. die Aufnahmen und bekommen 2-3 Patient*innen zugeteilt, die sie auch am Bett betreuen und während der Visite oder den Besprechungen vorstellen. Meist sind sie für 1-3 Wochen auf einer Abteilung und rotieren dann. Grundsätzlich ist das (Master-)Studium in den Niederlanden wesentlich praxisorientierter.
Im 6. Jahr ist man dann „oudste Co“, also Ältester Coassistent. Der Fokus liegt ganz klar auf der Arbeit auf Station, sodass nicht allzu viel Zeit für Besuche im OP oder in der Poliklinik ist. Fürs PJ würde ich dann ggf. eher eine Abteilung der Inneren Medizin empfehlen, da man da sowieso auf der Station ist. Toll ist aber, dass die „Oudsten“ dann schon Medikamente vorschlagen können, sodass die Ärzte es nur noch co-unterschreiben müssen im System. Man wird hier also schon als ein halber Arzt gesehen und auch entsprechend behandelt! Oft weiß der „Oudste“ auch besser als die Stationsärzt*innen, was auf der Station abgeht, da diese täglich rotieren. Warum das so ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können, aber es scheint zu funktionieren.
Auch die Poliklinik ist sehr gut organisiert, Patient*innen kommen regelmäßig für Check-ups und es gibt ausreichend Platz, Materialien und Behandlungsräume. Transplantationspatient*innen sowie (potentielle) Spender werden hier gescreent und nachbehandelt. Die Regelmäßigkeit hängt mit den Beschwerden und dem Zeitpunkt der Transplantation zusammen.
Die Notaufnahme ist ebenfalls gut organisiert und besteht aus sehr vielen PC-Plätzen, da hier Assistenzärzt*innen aus allen möglichen Abteilungen hergerufen werden, wenn etwas in ihren Fachbereich gehört. Ich wurde sofort losgeschickt, um eine Aufnahme zu machen. Die Ärztinnen und Ärzte haben viel Vertrauen und sind trotz hohem Pensum gerne bereit, etwas weniger effizient zu arbeiten, damit man etwas sehen und lernen kann. Bei einem Patienten haben wir 15min lang das ABCDE komplett durchgenommen, was echt top war, da ich die Theorie natürlich kannte, aber mir noch nie Gedanken darum gemacht hatte, wie ich diese Punkte eigentlich überprüfen müsste bzw. auf was ich achten muss.
Schön war es hier zudem, dass keine Menschen mit Bagatelle-Traumata wie blauen Flecken oder eingewachsenen Haaren kommen, da in den Niederlanden ALLES über den Hausarzt läuft. Wer sich selbst einweist, muss damit rechnen, einen Teil der Kosten selbst zu tragen, wenn es keinen Grund gab. Für Notfälle gilt dies natürlich nicht! Es gibt daher auch einen 24/7 Hausarztdienst, zu dem man gehen kann/muss, wenn der eigene schon geschlossen ist. Nur wenn dieser zum Krankenhaus verweist, kommen die Patienten. Man hat also i.d.R. schon ein bisschen Vorgeschichte zu den Patienten und kann sich um die wirklich wichtigen Dinge kümmern.
Mein Tagesablauf in der Klinik
So eine richtige Routine hatte ich nicht, da immer mal hier, mal da irgendein transplantationsbezogenes Event war. Auch bei der Planung der Lebendspenden und sonstigen Meetings war ich dabei. Grundsätzlich haben die meisten Tage aber immer um 08:00 Uhr mit dem „Ochtend Overdracht“ (= Morgenbesprechung) begonnen. Hier wurden die wichtigen Neuzugänge und das OP-Tagesprogramm aller chirurgischen Abteilungen besprochen. Nach meist 15min gab es oft noch „Onderwijs“ (Unterricht). Oft eine Woche lang unterschiedliche Punkte zu einem Thema – z.B. Pankreas CA oder Stomata. Auch die Ärztinnen/Ärzte haben zugehört!

Im Labor mit Schweineniere, die für Forschungen auf dem Gebiet der normothermen Nieren-Perfusion verwendet wurde.
Dann ging es gegen 08:30 Uhr/08:40 Uhr auf die Station oder zur Poliklinik. Auf Station begann dann kurze Zeit später die Visite, da gab es eigentlich wenig Unterschiede, soweit ich dies beurteilen kann. Nach der Visite (1-2h) wurden die Systemeinträge zu den Patient*innen geupdatet, sodass man immer einen schnellen Überblick bekommen konnte, was heute für einen Patienten anstand. Die Mittagspause war sehr flexibel, je nachdem, was gerade zu tun war. Gegen Mittag/Nachmittag dann die üblichen Entlassungen und Aufnahmen. Für „Coassistenten“ gab es scheinbar an drei Tagen auch nachmittags Unterricht, das hatte mir aber keiner gesagt und meistens hatte ich besseres zu tun gehabt im OP oder der Poliklinik. Um 16:30 Uhr war dann die Nachmittagsbesprechung, ähnlich der des Morgens. Gegen 16:45 Uhr waren wir dann entlassen.
Wer möchte, kann hier also problemlos eine 40h Woche durchlaufen, durch die Natur meines Fachbereiches waren es für mich jedoch eher 60h, da die Entnahmen meist gegen Nachmittag stattfanden und natürlich auch am Wochenende. Ich hätte problemlos um Kompensation bitten können, habe ich aber nicht, weil ich nicht viel anderes zu tun hatte und es ja schließlich mein Ziel war, am Universitair Medisch Centrum Groningen so viel es geht zu sehen.
Freizeit
Groningen ist eine mittelgroße, sehr studentische Stadt, ca. 25 Prozent der Leute sind an einer der beiden Universitäten. Viele sind internationale Student*innen, man hört viel Deutsch und Englisch. Es gibt entsprechend viele Möglichkeiten, auszugehen und reichlich Bars und Clubs. Davon konnte ich aufgrund meiner Arbeitszeiten nicht ganz so viel Gebrauch machen, zumal ich keine feste Freundesgruppe in Groningen hatte.
Es gibt eine Art „Uni Sport“ namens „ACLO“, wo man für wenig Geld ein Abo abschließen kann, um Kurse zu besuchen oder Felder und Equipment zu leihen. Tennis, Squash, Basketball, Tanzen, Laufen, Gym, Beachvolleyball, es war wirklich ALLES dabei. Ich habe Floorball gespielt und darüber ein paar Leute kennengelernt. Mit den Medis bin ich außerhalb des Krankenhauses nicht ganz so warm geworden, viele waren ein bisschen in ihrem eigenen Film und hatten wenig Zeit wegen Prüfungen – sicherlich nicht generalisierbar, nur meine Stichprobe. Wenn man ein Zimmer in einer WG hat, ist es sicher etwas einfacher, sich sozial zu integrieren.

Der Vismarkt (Fischmarkt) in Groningen an einem grauen Freitagvormittag. Am Nachmittag und am Wochenende ist er drückend voll.
Ansonsten kann man wirklich echt überall in der Stadt innerhalb von 15min mit dem „Fiets“ (= Fahrrad) hin, was wirklich unglaublich angenehm ist. Ich habe nicht ein einziges Mal einen der wenigen Busse genommen. Fahrräder kann man günstig leihen, oft kann man auch das vom Übermieter benutzen.
Die Stadt Groningen
Groningen ist wirklich eine zuckersüße Stadt mit vielen schönen alten Häusern und Straßen, dem klassischen niederländischen Charme und natürlich unendlich vielen Fahrrädern. Die Altstadt ist weitestgehend Auto-frei, was es sehr angenehm macht, sich mit dem Fahrrad oder zu Fuß fortzubewegen. Die Leute sind sehr freundlich und trotz vieler Beinahe-Fahrradunfälle sind alle stets entspannt. Es gibt viele kleine Läden – wer auf Second-Hand Shopping oder Cafés steht, wird hier auf jeden Fall Spaß haben.

Typische belebte Einkaufsstraße in Groningen an einem Mittwochnachmittag
Mein Fazit
Insgesamt bin ich sehr traurig, Groningen so schnell wieder verlassen zu müssen. Ich hatte in meiner kurzen Zeit viel Spaß und durfte viel sehen und machen. Die tiefen Einblicke in die Welt der Transplantation waren sehr beeindruckend und lehrreich!
Wer etwas Niederländisch spricht, dem kann ich es nur wärmstens empfehlen, hier eine Famulatur oder einen PJ-Abschnitt zu verbringen! Wer kein Niederländisch spricht, aber dennoch hochmotiviert ist, dem würde ich empfehlen, sich einen Supervisor zu suchen, der damit einverstanden ist, Euch auf Englisch zu begleiten. Success, jongens!
L. S.
Groningen, April 2026
Neueste Beiträge auf Medizinerlaufbahn.de:
- Famulatur in den Niederlanden – Transplantationschirurgie
- Famulatur in Samoa – Anästhesie und Innere Medizin
- PJ in Rheinzabern – Allgemeinmedizin bei den SüdpfalzDOCs
- Famulatur in Nepal – Gynäkologie und Geburtshilfe
- Das Team von Medizinerlaufbahn.de wünscht Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr 2026!

