Medizinstudium in Großbritannien – ein Medizinstudent und sein zweites Jahr an der University of Edinburgh

Während das erste Jahr meines Medizinstudiums an der Edinburgh Medical School der University of Edinburgh fast ausschließlich aus Vorlesungen und Tutorials bestanden hatte, brachte das zweite Jahr regelmäßige Einheiten zu praktischen klinischen Fertigkeiten – Anamnese, Untersuchungstechnik und vor allem den Umgang mit Patientinnen und Patienten, den man aus keinem Lehrbuch lernen kann.

Das zweite Jahr meines Medizinstudiums an der University of Edinburgh 

Mein zweites Jahr im Medizinstudium an der Edinburgh Medical School der University of Edinburgh sah ganz anders aus als das erste. Während es im ersten Jahr vor allem darum ging, mich zurechtzufinden – zu lernen, wie Vorlesungen ablaufen, wie Tutorials funktionieren und wie man das komplexe Fach Medizin überhaupt richtig studiert, hatte ich im zweiten Jahr das Gefühl, dass vieles endlich ineinandergriff. Die Neuheit hatte etwas nachgelassen, dafür stiegen Arbeitsaufwand und Anspruch entsprechend an. Ein weiteres Mal an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Herrn Peter Karle, Chefredakteur von Medizinerlaufbahn.de, der mich bei meiner Planung und Vorbereitung für ein Medizinstudium in Großbritannien mit seinen Tipps und Infos unterstützt hat.

Blick vom Gipfel des Calton Hill auf Edinburgh, die Princess Street und das Edinburgh Castle

Blick vom Gipfel des Calton Hill auf Edinburgh, die Princess Street und das Edinburgh Castle

Das zweite Studienjahr an der University of Edinburgh war in fünf große Einheiten gegliedert: Neurologie, Endokrinologie, Urologie, Nephrologie und Gastroenterologie. Neurologie und Endokrinologie wurden in der ersten Jahreshälfte zusammen unterrichtet, Urologie, Nephrologie und Gastroenterologie dann in der zweiten.  Neurologie war vermutlich das konzeptionell anspruchsvollste Fach, allerdings hatte ich hier einen kleinen Vorteil. Ich interessiere mich schon seit der Schulzeit für die Neurowissenschaften und hatte mich seitdem im Selbststudium damit beschäftigt. Da zu Beginn des Semesters zunächst die Grundlagen der Neurowissenschaften vermittelt wurden, half mir mein Vorwissen dabei, schneller zu diesen anspruchsvolleren Konzepten vorzudringen. Urologie und Nephrologie wurden direkt hintereinander unterrichtet, was hilfreich war, da sich die beiden Systeme physiologisch so stark überschneiden, dass das Lernen des einen das Verständnis des anderen verstärkte. Am schwierigsten fand ich die Endokrinologie. Hier ging es um spezifische Feedbackschleifen und Hormonkaskaden, die erst richtig Sinn ergaben, als wir sahen, wie sie sich in echten klinischen Fällen zeigten.

Im Vergleich zu Jahr eins meines Medizinstudiums an der University of Edinburgh war die Stoffmenge nun deutlich höher und das Tempo setzte voraus, dass man die anatomischen und physiologischen Grundlagen aus dem ersten Studienjahr bereits beherrschte. Die Unterstützung durch die Lehrenden war jedoch, besonders in der Neurologie, äußerst hilfreich und gut durchdacht.

Die größte strukturelle Veränderung im zweiten Studienjahr war die Einführung des richtigen klinischen Unterrichts. Während das erste Jahr fast ausschließlich aus Vorlesungen und Tutorials bestanden hatte, brachte das zweite Jahr regelmäßige Einheiten zu praktischen klinischen Fertigkeiten – Anamnese, Untersuchungstechnik und vor allem den Umgang mit Patientinnen und Patienten, den man aus keinem Lehrbuch lernen kann.

Meine Objective Structured Clinical Examinations 

All dies führte auf die „Objective Structured Clinical Examinations“ (OSCEs), auf Deutsch etwa objektiv strukturierte klinische Prüfungen, hin, die anders waren als jede Prüfung, die ich zuvor abgelegt hatte. Statt einer klassischen schriftlichen oder Multiple-Choice-Prüfung durchläuft man eine Reihe standardisierter, zeitlich begrenzter Stationen, an denen jeweils bestimmte klinische Fertigkeiten geprüft werden. 

Geprüft wurden dabei Themen aus dem ersten und zweiten Studienjahr, nämlich Kardiologie, Pulmonologie, Neurologie und Gastroenterologie. Diese Prüfungen erzeugten eine eigene Art von Druck, da man in Echtzeit beobachtet und bewertet wird und es – anders als bei einer schriftlichen Prüfung – keine Möglichkeiten gibt, sich mit einer vagen Antwort durchzumogeln. Die Vorbereitung bestand aus viel Übung mit Kommilitonen. An dieser Stelle ein ganz besonderer Dank an meine engsten Freunde, die sich so oft von mir „untersuchen“ ließen. Man wiederholte dieselben Untersuchungsabläufe so lange, bis sie automatisiert waren. Es war zweifellos der stressigste Teil des Jahres, aber auch der Teil, bei dem ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, tatsächlich zum Arzt zu werden und nicht nur Medizinstudent zu sein.

Zusätzlicher klinischer Unterricht in einer Hausarztpraxis

Zusätzlich hatte ich jede Woche klinischen Unterricht in einer Hausarztpraxis (General Practice), um Patient*innen kennenzulernen und den medizinischen Berufsalltag aus erster Hand zu erleben. Der Unterricht bestand aus zwei Arten von Einheiten, die sich wöchentlich abwechselten. In Klasse A ging es darum, häufige Erkrankungen durch den direkten Kontakt mit betroffenen Patientinnen und Patienten kennenzulernen. In Klasse B standen dagegen klinische Fertigkeiten im Mittelpunkt, darunter der Umgang mit Patientinnen und Patienten, die Beratung zu Lebensstilfragen und die Gesprächsführung.

Forschungspraktikum im Labor und Beginn eigener Forschungsprojekte

Im Sommer zwischen meinem ersten und zweiten Studienjahr an der University of Edinburgh absolvierte ich ein Forschungspraktikum in einem Labor. Es war meine erste echte Erfahrung damit, wie medizinische und biologische Forschung im Alltag tatsächlich aussieht – im Gegensatz zu der ordentlichen, fertigen Version, die man in Fachartikeln liest. Im Labor beschäftigte ich mich mit verschiedenen Proteinen, die in der Zellbiologie eine Rolle spielen, insbesondere während der Mitose, bei der sich das Erbgut einer Zelle auf die entstehenden Tochterzellen verteilt.

Dabei kamen viele verschiedene experimentelle Techniken zum Einsatz, z.B.  Gelelektrophorese, Sonikation, Zellkultur und Midiprep – vieles davon hatte ich zuvor nur in der Theorie gelernt, aber nie selbst angewendet. Die Erfahrung war zunächst einschüchternd, da ich mir viel Zellbiologie aneignen musste, die mir vorher nicht bekannt war, erwies sich am Ende aber als äußerst lohnend, da ich dadurch einen echten Einblick in medizinische Forschung gewann.

Wie ich mit einer Lupe neurochirurgische Fertigkeiten an einem Ei übe.

Wie ich mit einer Lupe neurochirurgische Fertigkeiten an einem Ei übe.

Es war ein aufschlussreicher Kontrast zu meinem ersten Studienjahr, in dem Vorlesungen und Tutorials bereits bekanntes Wissen vermittelten; im Labor ging es hingegen darum, mit Unsicherheit umzugehen und den oft mühsamen, langwierigen Prozess der tatsächlichen Wissensgenerierung zu erleben. Dies gab mir ein tieferes Verständnis für die Forschung, die den klinischen Leitlinien zugrunde liegt, denen wir sonst ohne große Hinterfragung folgen. Das Praktikum hat mein Interesse an der wissenschaftlichen Seite der Medizin weiter verstärkt.

Darüber hinaus habe ich die Initiative ergriffen und im Laufe des Jahres eine Reihe eigener Forschungsprojekte begonnen. Mein Berufsziel ist es, Neurochirurg zu werden, und wie es so schön heißt, ist dies ein sehr langer Weg – wirklich ein sehr langer! Ein Teil dieses Weges besteht darin, bereits während des Medizinstudiums Forschung zu betreiben und die Ergebnisse, falls möglich, auf Konferenzen zu präsentieren. Im zweiten Jahr hatte ich die unglaubliche Gelegenheit, Arbeiten aus meinem ersten Studienjahr am weltbekannten Royal College of Surgeons of Edinburgh (RCSEd) zu präsentieren. Dies war eine fantastische Gelegenheit, Forschende und Ärztinnen/Ärzte aus unterschiedlichen Fachgebieten kennenzulernen und einen Eindruck davon zu bekommen, mit welchen Fragen sich die aktuelle Forschung in ihren jeweiligen Bereichen beschäftigt. 

Neben dieser Konferenz reiste ich auch nach London zur Neurology and Neurosurgery Special Interest Group (NANSIG) Conference. Dies ist eine landesweite, von Studierenden geleitete Gesellschaft, und auch hier hatte ich wieder die Gelegenheit, viele gleichgesinnte Menschen und neue Freunde kennenzulernen. Im Rahmen der Konferenzen habe ich mich auch mit Studierenden anderer Universitäten, u.a. Buckingham, Glasgow, Surrey, vernetzt, um zu Themen zu forschen, die mich interessieren.

Einige meiner Projekte beschäftigen sich damit, welche neurochirurgischen Techniken für bestimmte Fälle am besten geeignet wären, andere mit der Logistik eines effizienten, aber sicheren Krankenhausbetriebs auf einer chirurgischen Station. All diese Möglichkeiten gaben mir wertvolle Einblicke, wie es ist, gleichzeitig Akademiker und Kliniker zu sein. Dabei wurde mir zunehmend klar, dass ich mir für meine spätere Karriere genau diese Verbindung aus klinischer Arbeit und wissenschaftlicher Forschung wünsche.

Mein Engagement in den medizinischen Vereinen der University of Edinburgh

In meinem zweiten Studienjahr habe ich mich zudem entschieden, mich stärker in den zahlreichen medizinischen Vereinen der Universität von Edinburgh zu engagieren. Gegen Ende des ersten Jahres halten die studentischen Vereine ihr sogenanntes „Annual General Meeting“ (AGM) ab, bei dem die Komitees für das kommende Jahr gewählt werden. Ich bewarb mich auf mehrere Positionen und übernahm im zweiten Jahr folgende Aufgaben:  

  • Events Coordinator der Edinburgh University Neurological Society
  • Year 1 Teaching Coordinator der Edinburgh Student Anatomical Society
  • Public Engagement Lead der Edinburgh University General Surgery, Research, and Innovation Society

Meine liebste Aufgabe war die bei der Edinburgh University Neurological Society. Diese Aufgabe bestand darin, zwei Hauptveranstaltungen im Jahresverlauf zu koordinieren: den Neurology and Neurosurgery Day und das Neurotheatre. Ersterer richtete sich an Medizinstudierende, um ihnen ein besseres Verständnis dieser Fachgebiete zu vermitteln, letzterer an Schüler, um ihnen einen Einblick zu geben, wie das Medizinstudium abläuft. Die Aufgaben in den anderen Vereinen waren etwas einfacher gestrickt und bestanden vor allem darin, dem restlichen Komitee bei der Organisation der Jahresveranstaltungen zu helfen. 

Blick auf unser Studentenwerksgebäude, das Teviot Row House der University of Edinburgh, eröffnet 1889.

Blick auf unser Studentenwerksgebäude, das Teviot Row House der University of Edinburgh, eröffnet 1889.

Diese Positionen haben mir geholfen, einen deutlich besseren Einblick in die unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen zu gewinnen und gleichgesinnte Menschen kennenzulernen.

Mein Fazit nach dem zweiten Studienjahr in Edinburgh

Neben den medizinischen Vereinen habe ich auch gute Beziehungen zu meinen Freunden und Kommilitonen gepflegt. Nachdem nun ein Jahr vergangen war, hatte ich eine gute Gelegenheit, viele Studierende innerhalb meines Jahrgangs – immerhin 300 Personen! – näher kennenzulernen und auch neue, langfristige Freundschaften zu schließen. Sie haben sich sowohl für mein akademisches als auch für mein persönliches Wohlbefinden als unschätzbar wertvoll erwiesen, da ich mich immer an sie wenden konnte.

In der Freizeit - Traumhafter Blick in den Cairngorms, einer Berggruppe im Nordosten Schottlands, vom Gipfel des Lochnagar

Wenn es im ersten Jahr darum ging, zu beweisen, dass ich es ins Medizinstudium geschafft hatte und den Übergang bewältigen konnte, ging es in meinem zweiten Jahr meines Medizinstudiums darum, zu zeigen, dass ich zunehmend, wie ein Kliniker denken kann – unter Zeitdruck, vor einem Prüfer und mit einem echten Patienten vor Augen, statt nur mit einer Abbildung im Lehrbuch. Es war härter als mein erstes Jahr, aber es war auch das Jahr, das sich für mich wirklich nach Medizin anfühlte und nicht nur nach Biologie mit ein paar zusätzlichen Schritten.

Manas Rupakheti

Edinburgh, Oktober 2026


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